Beschreibung
Die Stadt Bozen gedachte auch in diesem Jahr wieder mit einer öffentlichen Gedenkfeier der 23 italienischen Soldaten, die am 12. September 1944 bei einem Massaker in der Mignone-Kaserne von SS-Schergen hingerichtet und anschließend auf dem städtischen Friedhof in Oberau in ein Massengrab geworfen wurden.
Heute Vormittag fand vor der Gedenktafel zu Ehren der ermordeten Soldaten auf dem kleinen Platz am Ende der Parkstraße eine feierliche Kranzniederlegung statt. Anwesend waren neben Bürgermeister Claudio Corrarati auch Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft sowie Abordnungen der Streitkräfte, der Polizei, der Veteranen- und Frontkämpferverbände, der Partisanenvereinigung ANPI sowie private Bürgerinnen und Bürger.
In seiner Ansprache beschrieb Bürgermeister Corrarati die Gedenkfeier als einen Moment, in dem sich die Erinnerung in Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft verwandelt. „Wenn man den Angehörigen der getöteten Soldaten in die Augen blickt“, so der Bürgermeister in seiner Ansprache, „wird klar, dass es hier heute um mehr geht als um das Gedenken an ein abscheuliches Verbrechen. Von dieser Gedenkveranstaltung geht heute, 82 Jahre später, auch die Botschaft hinaus, dass wir die Grundwerte der Demokratie schützen und verteidigen müssen, immer noch und gerade jetzt.“
Dies sei angesichts der derzeitigen Entwicklungen mehr als nötig. „Die Lösungen für die Probleme und Ängste der heutigen Zeit finden sich nicht in den Wurzeln des Faschismus oder des Nationalsozialismus. Nicht daraus entsteht eine neue Gemeinschaft, sondern aus den Wurzeln derer, die sich dem Kampf für die Freiheit und für eine andere Gesellschaft verschrieben und auch ihr Leben für diesen Kampf gegeben haben.“
Bürgermeister Corrarati zeigte sich heute besorgt über die zunehmende Radikalisierung im gesellschaftlichen Diskurs, auch in Südtirol. „Wir müssen weiter wachsam sein. Niemals dürfen wir vergessen, was uns die Geschichte gelehrt hat. Das wahre Gegenmittel angesichts der derzeitigen Entwicklungen ist eine Gemeinschaft, die sich mit den Grundwerten der Demokratie, der Freiheit und der Erinnerung identifiziert.“
Bozen habe eine lebendige Erinnerungskultur, so Corrarati abschließend. An vielen Orten fänden sich Spuren der Vergangenheit, die tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert seien. „Diese Orte erinnern uns daran, dass Erinnerung mehr ist als ein Blick in die Vergangenheit: Sie ist auch Verantwortung gegenüber den heutigen und Verpflichtung gegenüber den künftigen Generationen.“
Das Massaker in der Mignone-Kaserne war von der lokalen und nationalen Geschichtsforschung lange Zeit vernachlässigt worden und ist erst in den letzten Jahren durch die Nachforschungen des Bozner Stadtarchivs in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Zwischen 1943 und 1944 wurden 23 Soldaten von den Nationalsozialisten bei Razzien verhaftet und zunächst in die Gefängnisse von Verona, später in das NS-Durchgangslager Bozen überstellt. Am 12. September 1944 wurden die Soldaten in die Mignone-Kaserne verbracht und hingerichtet. Eine Kommission der Alliierten ließ die Körper der Soldaten 1945 exhumieren. Später wurden sie im Soldatenfriedhof in St. Jakob beigesetzt. In der Nachkriegszeit wurde sieben der 23 Soldaten posthum die Tapferkeitsmedaille verliehen.
Auf der heutigen Gedenkfeier für die 23 Soldaten, 82 Jahre nach dem Massaker, verwandelte sich die Erinnerung einmal mehr in einen eindringlichen Aufruf an die Gegenwart, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, die Erinnerung zu bewahren und die Werte der Freiheit und der Demokratie zu verteidigen. (mp/ct)